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Mein Zuhause ist die Straße

(Auszug) von Frank Weber

 

Wenn ich durch die Straße gehe, sehe ich oft Menschen wie dich. Gut angezogen, gemeinsam mit ihren Eltern oder den Freunden. Ihr könnt euch eure Freunde nach Hause einladen. Das ist schön. Davon träume ich oft. Aber dazu braucht man eine Familie und ein Haus oder eine Wohnung. Aber mein Zuhause ist die Straße. Einige der Kinder auf der Straße sind für mich beinahe wie Geschwister. Wir kennen uns gut. Wir treffen uns nachts unter den Brücken, dort sind wir ungestört. Und niemand beschimpft uns oder treibt uns weg. Wir machen uns Feuer und wärmen uns.

Manchmal erzählen wir uns Geschichten oder Witze. Jeder bringt etwas zu essen mit oder eine Decke.

Und wenn es ganz besonders kalt ist, dann rücken wir ganz nahe zusammen und wärmen uns. Das muss doch beinahe wie in einer Familie sein. Manchmal da dauert ein Tag wie ein ganzes Jahr. Vor allem wenn man Hunger hat.

Als ich von zu Hause fort gegangen bin, da war ich erst 11 Jahre alt. Ich habe gedacht in der Stadt ist des besser. Da bekomme ist Arbeit und kann meiner Familie zu Hause sogar etwas Geld schicken, meinen Vater, den gibt es nämlich nicht mehr, der ist weggelaufen.

Aber so leicht ist das nicht. Ich habe angefangen Autos zu waschen. Aber an manchen Tagen läuft das Geschäft schlecht. Das Geld reicht nicht einmal für ein Stück Brot. Dann gehe ich los und frage die Gäste in den Gaststätten, ob sie mir etwas von ihren Resten abgeben. Viele stören sich daran.

Ich gebe es zu, manchmal da gehe ich auch stehlen. Ich weiß, das ist verboten, aber es gibt Tage, da geht es nicht anders. Dann, wenn der Hunger zu sehr plagt. Weißt du was richtiger Hunger ist?

Eigentlich gibt es ja genug Essen auf der Welt. Aber immer müssen einige hungern, und die anderen haben so viel, dass sie es gar nicht aufessen können.

Es geht nicht nur mir so, sehr viele Kinder und Jugendliche leben wie ich auf der Straße. Wenn wir zusammen sind reden wir über unsere Probleme, manchmal da rauchen wir auch Drogen, denn Drogen sind in unserem Land billiger als ein Stück Brot und sie verdrängen den Hunger. Wenn ich richtig müde bin, dann schlafe ich überall ein. Dann kann es passieren, dass die Fußgänger über mich hinüber steigen müssen. Manchmal rufen sie auch die Polizei und ich werde ins Gefängnis gebracht.

Es ist schlimm, das Verbrechen, das ich begangen habe ist: arm zu sein. Ich werde dafür bestraft, dass ich kein Zuhause habe.

Wenn wir eingesperrt werden, dann geht es uns ganz schlecht. Viele Erwachsene dort tun uns weh, oder sie wollen, dass wir gegeneinander kämpfen. Dort gibt es auch keine Betten oder regelmäßige Mahlzeiten. Wir müssen darauf warten, dass Freunde uns etwas zu essen bringen. Wer keine

Freunde hat, bekommt die Reste der anderen.

Manchmal habe ich Glück und habe etwas Geld bei mir, das gebe ich dem Polizisten und er lässt mich laufen.

Niemand hilft uns, damit wir bei unseren Familien bleiben können, niemand hilft uns, damit wir einen Ort zum Schlafen haben. Ich fühle mich oft alleine. Und ich hoffe, bald von der Straße weg zu kommen. Vielleicht findest du es manchmal blöde in die Schule zu gehen. Ich würde so gerne gehen dürfen. Schöne Kleider anziehe und zur Schule laufen. Und die Leute würden sehen, dass ich fleißig bin.

Aber so ist es leider nicht. Gemeinsam mit meinen Freunden hoffe ich darauf, dass alles besser wird.

Jetzt habe ich die ganze Zeit nur von mir berichtet und noch immer nicht alles erzählt. Zum Beispiel hab ich dir noch nicht erzählt, was ich gerne machen würde, wenn ich groß bin. Da möchte ich arbeiten, eine Familie haben, die Kinder behüten und zur Schule schicken.

Wenn ich erwachsen bin, werde ich wohl auch Kinder und andere Leute sehen, die auf der Straße leben. Dann will ich ihnen Essen bringen und ihnen helfen, dass sie in einem Haus wohnen können.

Ach ich habe mich noch gar nicht mit Namen vorgestellt. Das ist auch gar nicht so wichtig. Mein Name kann Josè sein oder Adolfo oder Ramiro oder Samuel oder Alberto oder Gualberto. Vielleicht hast du mich schon gesehen, in einem Bericht im Fernsehen oder in der Zeitung.

Du darfst mich Freund nennen, denn du weißt jetzt, dass es mich gibt.

Vielleicht denkst du ab und zu einmal an mich und erzählst deinen Freunden von mir und sagst: "Kommt, wir wollen nicht wegsehen, wenn wir helfen können."

 

Aus: Frank Weber, „Mein zu Hause ist die Straße“, mit Bildern von Pedro Almanza; telar-verlag Schweinfurt 1994; Kontaktadresse: Straßenkinderhilfe e.V., Martin-Luther-Platz 3, 97421 Schweinfurt, Tel. u. Fax: 09721/21555; Abdruck und Kopieren der Bilder mit freundlicher Genehmigung des telar-verlages.

 Spaß!