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Themenkreis "Brot"

Brotstunde (Märchen)

Das Märchen erzählt von einer Prinzessin, die wohlbehütet im Schloss ihrer Eltern aufwächst, ihre Erfahrungen mit dem Leben macht, um dann selbst als Königin den Menschen ihres Landes den Frieden zu bringen. Die Erzählung misst dabei dem Brot besondere zeichenhafte Bedeutung zu.

Die kleine Prinzessin Suleika lebte als einziges Kind der Königin und des Königs in einem großen, prächtigen Schloss. Sie wird von ihnen über alles geliebt und wie ein Schatz behütet. Aus Angst, dass ihrer Tochter etwas zustößt, lassen sie die Prinzessin nur innerhalb des Schlosses, im großen Park spielen. Noch nie haben sie Suleika außerhalb der Schlossmauern mitgenommen.

Am liebsten spielt Suleika im großen Park. Inmitten der vielen Bäume und Sträucher, der Blumen und Tiere fühlt sich die Prinzessin wohl. Vögel und Käfer sind ihre Freunde und sie versteht ihre Sprache. Nur das kleine Gärtnerhaus mitten im Park gefällt ihr noch besser. Hier wohnt die alte Runa mit ihrem Mann. Nachmittags, jeweils zur selben Zeit, lässt die Prinzessin alles stehen und liegen. Ein herrlicher Duft strömt aus der gemütlichen Küche des Gärtnerhauses und durchzieht den ganzen Park.

Runa backt das tägliche Brot für sich und ihren Mann. Niemand im ganzen Städtchen, auch nicht der berühmte Schlosskoch, weiß so köstliches Brot zu backen wie die alte Runa.

Suleika sitzt an Runas kleinem Küchentisch. Das heiße, frische Brot muss noch abkühlen. das erste Stück davon gehört der Prinzessin. Wie herrlich das schmeckt. Im Moment gibt es für sie nichts Besseres und Köstlicheres auf der ganzen Welt. So wird diese Brotstunde jeden Tag etwas ganz Besonderes im Leben der Prinzessin.

Die Zeit vergeht und Suleika wächst heran. Da entdeckt sie eines Tages beim Spielen im Park einen wunderschönen bunten Vogel. Noch nie ist ihr ein so prächtiges Tier begegnet. Vorsichtig nähert sie sich ihm und fragt leise: „Woher kommst du denn, schöner Vogel?“ „Von der Welt außerhalb der Mauer,“ antwortete der Vogel. „Gibt es dort noch mehr solch schöne Vögel, wie du einer bist?“, fragt die Prinzessin verwundert. „Die ganze Welt draußen ist bunt und wunderschön!“ zwitschert der Vogel weiter.

Suleika wird neugierig. Bis dahin war ihr die Welt außerhalb der Schlossmauer egal. Doch der Vogel ist verlockend schön. Ob sie wohl mit ihm gehen soll in die bunte Außenwelt? Die Eltern mag sie nicht um Erlaubnis bitten. Was, wenn sie ihr verbieten zu gehen?

Aber zur alten Runa geht sie und erzählt ihr, was sie vorhat. Runa mustert sie lange schweigend, öffnet dann den hölzernen Küchenschrank und holt ein frisches Brot hervor. Sie wickelt es in ein sauberes Tuch und gibt es der Prinzessin mit auf ihren Weg.

Früh am anderen Morgen schleicht Suleika leise aus dem Schloss. Bei einer Hintertür der Schlossmauer trifft sie den bunten Vogel. Gemeinsam steigen sie den steilen Hang zum Städtchen hinab. Dort warten sie bis der Tag anbricht.

Der Vogel führt die Prinzessin auf den Marktplatz. Was da alles los ist! Überall Menschen in farbigen Kleidern. Es wird gekauft, verkauft, bunte Stoffe, goldene Bänder, glitzrige Perlen, duftende Kräuter und gebratene Würste. Ausgelassen tanzen Kinder und Erwachsene zur fröhlichen Musik eines Wandergesellen. Verzaubert schaut Suleika dem Treiben zu. Und obwohl die Leute die Prinzessin noch nie vorher gesehen haben, wird sie sofort als Königstocher erkannt. Sie wird eingeladen, wohnt in vornehmen Häusern, Feste werden für sie gemacht und Suleika denkt nicht im Traum daran, nach Hause zurückzukehren.

Nachts überkommt sie manchmal etwas Heimweh, fühlt sie sich verloren in den großen Häusern der Reichen. Dann holt sie sich den eingewickelten Brotlaib hervor, den ihr die Runa mitgegeben hat, und bricht sich ein kleines Stückchen davon ab. So fühlt sie sich getröstet und es ist ihr, als säße sie in der Küche des alten Gärtnerhauses.

Der bunte Vogel lockt die Prinzessin immer weiter fort, von einer Stadt zur anderen. So gelangen sie bald in ein fremdes Land. Der König des kleinen Reiches lädt Suleika in sein Schloss ein. Als sein Sohn die schöne Prinzessin sieht, möchte er sie auf der Stelle heiraten. Suleika jedoch weist ihn ab, zuviel Bewunderung ist ihr zuteil geworden. Niemals würde sie den Prinzen eines so kleinen Reiches heiraten!

Immer weiter hat sich Suleika von ihrer Heimat entfernt. Niemand kennt sie mehr, niemand lädt sie ein. Sie verkauft ihren kostbaren Schmuck und die Kleider, um etwas Essen zu bekommen. Nun sieht sie aus wie ein einfaches Mädchen. Suleika fühlt sich immer schlechter. Ihr Brot ist schon längst aufgebraucht. Und als sie den bunten Vogel um Rat fragen will, ist auch dieser verschwunden. Sie ist allein. Wie gerne würde sie in ihr Schloss zurückkehren. Aber sie findet den Weg zurück nicht mehr allein.

Bei einem gutmütigen Bauern findet sie Arbeit und Unterkunft. Lange Zeit bleibt sie bei ihm als Magd. Traurig und müde denkt sie an ihr Leben im Schloss zurück. Suleika hat Heimweh!

Eines Tages spürt sie, beim Ausruhen nach schwerer Arbeit auf dem Feld, einen sanften Wind in ihrem Haar – schnuppert plötzlich in diesen Wind, was ist das für ein Geruch – atmet tief ein – und weiß ganz klar: es riecht nach Brot aus der Küche der alten Runa. Benommen steht Suleika auf und geht dem Duft nach. Sie wandert viele Tage. Der Brotduft führt sie über Feld und Wald. Bald erkennt sie die Gegend wieder. Da entdeckt sie eines Morgens kurz nach Sonnenaufgang ihr Schloss.

Vor den Schlossmauern bleibt sie stehen und erschrickt, als sie sieht, wie verkommen Schloss und Park aussehen. Niemand scheint mehr darin zu wohnen. Vor dem Tor sitzen einige arme Bettler. Suleika fragt eine alte Frau nach dem König und der Königin. „Die sind gestorben, nachdem die einzige Tochter sie verlassen hat!“ erzählt die Frau. „Die Prinzessin ist bis heute nicht zurückgekehrt, und niemand sonst konnte Königin werden. So ist das Schloss leer geblieben.“ Nach der alten Runa zu fragen, getraute sich Suleika nicht mehr, zu traurig ist diese Nachricht, die sie da eben erfahren hat.

Langsam bahnt sich die Prinzessin einen Weg durch den verwilderten Park. Pflanzen und Sträucher sind so dicht verwachsen ineinander, dass sie kaum durchkommt. Dornen zerkratzen ihr die Haut. Schon will Suleika aufgeben, da sieht sie durch das Dickicht ein Licht schimmern. Es ist das Licht des kleinen Gärtnerhauses. Ermutigt zieht sie weiter.

Die Tür des Hauses steht offen, niemand ist drin. Im Herd glüht da Feuer. Suleika sieht sich um, und entdeckt, dass alles bereit liegt für ein Brot: Mehl, Salz, Sauerteig und Milch.

Und als hätte sie dies schon immer getan, nimmt sie die Zutaten und knetet daraus einen Brotteig. Dann stellt sie den Teig in die Wärme und wartet am kleinen Küchentisch.

Da tritt auf einmal die alte Frau vom Schloss in den Raum. Sie geht auf Suleika zu und umarmt sie. Erst jetzt erkennt Suleika die alte Runa wieder. Glücklich wie schon lange nicht mehr, erzählt sie ihr alles, was sie während dieser langen Zeit erlebt hat. Suleika schiebt das Brot in den heißen Ofen. Und als es anfängt zu duften wie früher, weiß Suleika, dass sie wieder zu Hause ist.

Voller Freude und Dankbarkeit lädt sie alle Bettler vor den Schlossmauern in die kleine Küche ein. Ein richtiges Fest wird gefeiert. Das Brot ist fertig gebacken und Runa holt all ihre Vorräte aus dem Schrank.

Suleika wird Königin und Runa ihre wichtigste Ratgeberin. Das Volk liebt seine Königin, denn sie ist gerecht und weise. Schloss und Park sehen prächtig aus. Jeden Nachmittag zur gleichen Zeit stehen Suleika und Runa in der großen Schlossküche und backen frisches Brot für sich und die Gäste. Ein herrlicher Duft strömt durch den Park bis hinunter ins Städtchen. Das ist das Zeichen der Brotstunde mit der neuen Königin, für alle Diener, Bettler und Leute, die sich in der Nähe des Schlosses aufhalten.

Und bald ist es im ganzen Land Brauch, einmal am Tag gemeinsam Brot zu teilen unter Freunden, Nachbarn, Wandersleuten, unter Groß und Klein. Es ist zum Zeichen geworden, dass sie alle zusammengehören und eine große Familie sind.

Die einzelnen Textabschnitte entsprechen den 19 Bildern im Bilderbuch von Marlies Notter und Mona Helle, Brotstunde, Luzern-Stuttgart (rex Verlag), 1991.

 

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